Die Geschichte des Automobils beginnt nicht in Mannheim und nicht in Paris, sondern in Peking. In den 1670er Jahren entwarf der flämische Jesuit Ferdinand Verbiest am Hof des Kaisers Kangxi ein dampfgetriebenes Gefährt, das sich aus eigener Kraft fortbewegte. Verbiest war kein gewöhnlicher Missionar, sondern Direktor der kaiserlichen Sternwarte, Chef-Astronom und Mathematiker Chinas und einer der bedeutendsten Wissenschaftler seiner Zeit. Sein Fahrzeug, kaum 60 Zentimeter lang, war ein Beweisstück: Dampf, so wollte er zeigen, lässt sich als Antriebskraft nutzen. Rund 200 Jahre vor Carl Benz.
Der Nachweis blieb lange unbeachtet. Verbiest beschrieb sein Gefährt zwar in seinem Werk „Astronomia Europaea“, das 1687 in Dillingen gedruckt wurde, hinterließ aber keine Konstruktionspläne. Dr. Dr. Gerd Treffer, Leiter der historischen Projekte am Audi Konfuzius-Institut Ingolstadt, hat die verstreuten Quellen zusammengetragen, übersetzt und ausgewertet. Seine Forschungsergebnisse erschienen 2018 als erster Band der institutseigenen Schriftenreihe, inzwischen auch in chinesischer Übersetzung.
Aus der Forschung wurde ein Bauprojekt. Studierende der Technischen Hochschule Ingolstadt und der South China University of Technology in Guangzhou entwickelten unter Leitung von Prof. Dr. Thomas Suchandt Konstruktionszeichnungen, die den historischen Materialien und dem damaligen Stand der Technik folgen. Studierende der Fakultät Maschinenbau bauten daraus ein funktionsfähiges Modell und erbrachten damit weltweit erstmals den praktischen Beweis, dass Verbiests Konstruktion tatsächlich fährt: Ein Kohlefeuer erhitzt Wasser im Kessel, der Dampf entweicht durch eine Düse, treibt ein Schaufelrad an und dieses über eine Welle die Hinterräder. Ein fünftes Rad übernimmt die Lenkung, die lenkbare Deichsel war noch nicht erfunden. Modern ist einzig der Kessel, aus Sicherheitsgründen mit Überdruckventil und Manometer.
Sechs Exemplare wurden gefertigt. Sie stehen heute in verschiedenen Museen, darunter im Jesuitenraum des Ingolstädter Stadtmuseums, das eines davon am 4. April 2023 von Oberbürgermeister Christian Scharpf entgegennahm, sowie im Autoworld Museum in Brüssel.
Das Projekt verbindet, was auf den ersten Blick weit auseinanderliegt: die Automobilstadt Ingolstadt und die Wurzeln des Automobils im Reich der Mitte, historische Forschung und studentische Ingenieurskunst, China und Deutschland. Genau darin liegt sein Reiz.